Lösungsideen

Eigentlich scheint es fast müssig zu diskutieren über mögliche Lösungsvarianten, wie man die israelische Besetzung beenden könne. Denn es war in den letzten 50, ja 80 Jahren nicht zu schaffen.

Dennoch habe ich gestern einen heftigen Disput über den Weg aus der Sackgasse erlebt. Petra Wild, sicher eine absolute Kennerin der Situation und der Hintergründe, hat sich nicht nur geäussert zur Frage einer gerechten Einstaatenlösung, sondern auch die aktuellen Messerattacken kommentiert.

Was es genau war, was den überaus engagierten und kritischen Juden im Publikum derart in Rage brachte, nimmt mich Wunder. Ich versuche es auf drei Wegen zu erklären.

  1. Ein Detail eigentlich: Sie hat komplett falsch reagiert und den Sprechenden in den Senkel stellen und belehren wollen. Dafür habe ich ein Verständnis, weil bei allen Veranstaltungen, die Israel irgendwie betreffen könnten, immer mit solchen Störefrieden gerechnet werden muss, welche mit absurden Argumenten munitioniert den Diskurs an sich reissen. – Das war aber ganz falsch in diesem Fall. Er hat es auf den Punkt gebracht: Sie können nicht zuhören. Stimmt. Aber zu ihrer Entschuldigung nochmals: oft braucht man eben nicht zuzuhören um zu wissen, was kommt (siehe meinen Bericht von der Karl-der-Grosse-Diskussion).
  2. Wenn die PalästinenserInnen in ihrer Verzweiflung Attacken auf Zivilbevölkerung begehen, so kann man das zwar nachvollziehen und man muss es ihnen überlassen. Die Referentin hat aber unbesehen diese Attacken als richtig hingestellt, wollte sie auf keinen Fall als Verzweiflungstaten, sondern als absichtliche, geplante Intifada sehen. (Damit hat sie übrigens alle als wahr hingestellt, während ich auf mehreren Videos gesehen habe, wie unbewaffnete Männer und Frauen erschossen werden, umstellt von israelischen Soldaten.) Auch ein junger Mann im Publikum versuchte zu warnen, man sollte nicht zu Gegengewalt aufrufen, doch auch das kam nicht an. Für mich ist klar bei allem Verständnis für die Berechtigung eines gewaltsamen Aufstandes: Er darf nicht von aussen ermuntert werden. – Der Hinweis, dass alle Verhandlungen auch nichts genützt haben, ist sicher richtig. Dennoch bleibt nichts anderes als der gewaltlose Weg für uns von aussen; wehren dürfen sich die Angegriffenen, aber eigentlich auch nur wehren und nicht rächen – doch wie gesagt, Vorschriften können wir auch nicht machen. Ich persönlich glaube, dass über Gewalt keine Lösung kommt, sie weckt nur Repression, ja sie eint doch die Angegriffenen. Ich sehe nur die Lösung von Transparenz bzw. Information und dadurch öffentliche Missbilligung bis zur Ächtung, so dass sich Israel beeilen muss, seinen Ruf wiederherzustellen, und zwar mal durch Fakten, nicht durch die Gesinnungspolizei. – Die Referentin hatte meiner Meinung nach ein viel zu vertrauensseliges Verhältnis zur Machbarkeit eines bewaffneten Aufstands, so dass ich mich fragte, ob denn eigentlich die Nähe zum Geschehen nicht mehr Realismus herstelle. Vielleicht spricht aus ihr eben auch Verzweiflung.
  3. Als dritten Punkt muss ich eine sorgenvolle Beobachtung erwähnen. Immer lauter und stärker wird die schnelle Behauptung, die PA sei Teil des Problems und müsste erledigt, beseitigt werden. Petra Wild bezeichnete sie gleich als Kollaborateure. Als korrupt werden “sie alle” schon lange durchwegs bezeichnet. Ist hier nicht ein gewisser Fehler? Israel tat alles dazu, Abbas lächerlich zu machen, doch mir schien er stets – unter Preisgabe aller wünschbaren Würde – alles für Frieden und Ruhe tun zu wollen. Ich kann zwar echt nicht beurteilen, wie verbreitet Korruption sein mag. Ziemlich sicher bin ich, dass man einigen von ihnen Unrecht tut damit. Noch sicherer bin ich, dass dies alle Bestrebungen, die Besatzung zu beenden, schadet, wenn man die eigenen Behörden schon mal zu Gegnern macht; auch international ist es nicht zu vergleichen mit dem Anti-Apartheidserfolg in Südafrika. – Ich erklärte mir die gestrige Empörung des Intervenierenden auch damit.

Ich kann den Glauben nicht teilen, wer den Goliath mit dem Messer angreife, erhalte dafür die Unterstützung der ganzen Welt. Das Gegenteil scheint einzutreffen: Allmählich werden auch die gegenüber der Besetzung kritischen Juden und Israelis überzeugt, dass die Palästinenser eine Gefahr seien und daher zu Recht hinter Mauern bleiben müssten.

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One thought on “Lösungsideen

  1. Liebe Pia

    Habe nun Deinen Blog nochmals durchgelesen und danke Dir für Deine differenzierten Ausführungen. Zu ganz wenigen Punkten werde ich Stellung nehmen.
    Das Meiste möchte ich einstweilen so stehen lassen.

    1. Ich bin nicht nur ein engagierter kritischer Jude, sondern habe eine Ahnung von der Komplexität der Tragödie auf beiden Seiten.
    Arbeite seit über 30 Jahren im Brückenbau zwischen Juden, Jüdinnen und PalästinenserInnen und gehöre in Zürich einer jüdischen Gemeinde an.

    2. Seit 1968 bin ich in der internationalen Solidaritätarbeit tätig und weiss Einiges über Befreiungskämpfe z.B. in Vietnam, El Salvador, Nicaragua, Südmexiko, Kurden und Kundinnen.

    3. Meine Kompetenzen habe ich mir seit damals vor allem bei Terre des hommes, terre des hommes schweiz und medico international schweiz, vormals Centrale Sanitaire Suisse CSS Zürich und in der Kampagne Olivenöl angeeignet.

    4. Zu solidarischer Unterstützung gehört m.E. das Einschätzen von Kräfteverhältnissen und daraus abgeleitet, adäquaten Strategien und Taktiken.

    5. Aufgrund meiner Arbeit, den Erfahrungen und dem Nachdenken wage ich es, Frau Petra Wild als “eine absolute Kennerin der Situation und der Hintergründe”, aufgrund ihrer Ausführungen am 29. November im Café Palestine in Zürich, in Frage zu stellen.

    6. Dein Plädoyer für Gewaltlosigkeit unterstütze ich aufgrund meines Wirkens in verschiedenen Lebensbereichen.
    Aufgrund der Jahrzehnte lang andauernden Unterdrückung der PalästinenserInnen durch Israel verstehe ich, dass sie zu Gewalt als einem der Mittel greifen, um ihren aufrechten Gang (Ernst Bloch) wiederherzustellen, denn ihre Würde (dignity) wurde und wird systematisch mit Füssen getreten, kaputt gemacht.

    Mit herzlichen Grüssen

    Jochi Weil-Goldstein, Zürich

    P.S. Bei aller Empörung (im Sinne von Stéphane Hessel) über schlimme Zustände an vielen Orten auf dieser Erde: Grundsätzlich mag ich Menschen, wenngleich ich mich ab und zu über einzelne von ihnen aufrege. Doch ohne Zuneigung zu Menschen ist es m.E. nicht möglich, ein Revolutionär, eine Revolutionärin zu sein.

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