Pausenlos – Ständiges Wiederholen macht es nicht wahrer

Dass es Messerstecher gibt, ist wohl nicht zu leugnen, auch wenn man nicht begreift, wieso die das tun. Aber wenn ich höre (gestern): “In Jerusalem erschoss die Polizei einen Jungen, der zu einem Messer griff, als sie ihn kontrollieren wollten” – dann weiss ich: Die Polizei hat einen palästinensischen Bewohner der Stadt – andere dürfen ja nicht herein – ein Kind, willkürlich “kontrolliert”. Wie immer das abgelaufen ist, meist ist das eine brutale und völlig willkürliche Handlung. Aber ganz offensichtlich ist das Kind nicht auf die Soldaten zugelaufen und wollte sie erstechen.

Die Meldungen prasseln auf uns ein. Es ist unbegreiflich, wie stereotyp die Anklagen sind. 30 tote PalästinenserInnen, darunter die meisten junge Männer oder auch Buben.

Die Welt starrt auf die 4, 5 oder 7? Israelis, die verletzt oder getötet wurden. Muss ich immer wieder betonen, dass ich jeden Tod, jeden Angriff schlimm finde? Ja, das muss ich und das tu ich, denn sonst folgt stets die Antwort: “Aber sie wurden ja angegriffen, sie müssen sich doch verteidigen.”

Es ist einfach schwierig, den Menschen, die sich fleissig in unseren Medien informieren, zu erklären, dass sie doch nicht alles wissen. Mittlerweile ist es mir klar, dass ich bei jedem gelesenen Bericht über ein Land, das ich nicht kenne, erst eine Ahnung bekomme und keinerlei Urteil fällen darf. Viel schlimmer ist es aber im hermetisch der Information beraubten Westjordanland. Jeder und jede – ich inklusive – kann von aussen darüber schreiben, was er oder sie will (oder darf). Wir werden aber nie erfahren, was die angeblichen MesserstecherInnen zu sagen hätten. In Hebron, das war der Fall im August, war die verschleierte Frau nachweislich unbewaffnet, hatte sich allein im Checkpoint befunden und wurde aus Distanz erschossen, umringt von mehreren IDFs. Dann hat man sie liegenlassen, hat die herbeikommende Ambulanz mit Tränengas vertrieben, und schliesslich nach fast einer Stunde sieht man, wie sie an den Füssen unter dem Checkpointgeländer herausgezogen wird: Offensichtlich liessen die Soldaten die Helfer nicht näher heran. Die Frau ist im Spital gestorben, das bedeutet klar, dass sie hätte gerettet werden können.

Auf vielen Videos habe ich grauenhafte Szenen gesehen: Einen würdigen alten Palästinenser, der mit den Soldaten reden wollte, vielleicht um Hilfe bat, in Hebron. Ganz deutlich sichtbar hat er keinerlei aggressiven Absichten, wird von den Soldaten herumgeschubst, einer zielt auf ihn. Es dauert eine Weile, dann wird er erschossen, einfach so, den Schützen sieht man nicht. Aber man sieht, dass sich die Soldaten kein bisschen um ihn kümmern. Vielleicht war es der Vater einer vielköpfigen Familie, der es im vernünftigen Gespräch versucht hatte.

Dann eine Frau, die angeschrien und umringt wird von IDFs, sie hebt die Hände, 100% sicher ohne Waffe, dann wird sie erschossen. Junge Männer, die angeschossen und dann geschlagen und getreten werden, mit Waffendrohung werden Helfer daran gehindert, sich zu nähern; ein kleiner Junge, schwer verletzt, mit beiden Beinen unnatürlich abgewinkelt, schreit – die Soldaten malträtieren ihn weiter, und ich bin nicht einmal sicher, ob es nicht ein Siedler ist, der ihn von Anfang an geschlagen und verletzt hat. Ich glaube, der Junge ist gestorben; er sieht kaum 14-jährig aus.

Und dann die Nachrichten hier. Immer sind die armen Soldaten von Messerstechern angegriffen worden. Warum soll es die angemessene Antwort sein, dass man eine Einzelperson sogleich erschiesst, die mit einem Messer auf einen Soldaten – die immer in Gruppen und schwer bewaffnet sind -angeblich losgeht? Überhaupt mag ich den Zusatz nicht mehr hören: der oder die “ihn verletzen wollte”. Ich weiss, die Knesset hat kürzlich die – bis dahin von Soldaten geübte – Praxis bewilligt, mit scharfer Munition Steinewerfer oder mit Messern Bewaffnete zu erschiessen. Damit wurden nicht nur die Soldaten weiter ermuntert, sondern vor allem haben die Siedler einen Freibrief erhalten. Kürzlich sah ich erst im entsprechenden Video, dass es ein Siedler war, der ein Kind erschossen hatte, nachdem die Meldung einfach geheissen hatte, ein bewaffneter junger Palästinenser sei erschossen worden. Sofort war natürlich auch das Militär da und hat den Siedler geschützt.

Darum mein Aufruf: Glaubt bitte nicht, dass die an Checkpoints erschossenen PalästinenserInnen immer ein Attentat geplant hatten. Das ist die notwendige Erklärung jedes Erschiessens. Die leider jetzt grassierende, früher noch relativ selten geäusserte Zielvorstellung ist einfach: Weg mit den Arabern, ganz Palästina (eben inklusive Samaria und Judäa) gehört den Juden. Und ich bestehe darauf: Das ist keine Behauptung, das kann man inzwischen überall lesen und hören. Ein Minister übertraf die bisherigen Abscheulichkeiten mit der übrigens absolut dummen Aussage: “Je mehr palästinensische Terroristen wir töten, umso weniger gibt es.” Wenn man weiss, dass “Terroristen” nur Propaganda-Sprachgebrauch für palästinensische Kinder, Frauen, junge wie alte Männer ist, erkennt man die Absicht.

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