Engelsgeduld

“Du musst ja nicht meinen, die Palästinenser seien Engel”, sagte eine damalige Noch-Freundin, als ich ihrer Meinung nach zu einseitig über die Verbrechen der Besatzung erzählte. Als ob es eine Bedingung wäre, ein Engel zu sein, um menschenwürdig behandelt zu werden, fand ich.

Heute würde ich es noch anders sagen: Sie WAREN Engel. Eine unbegreiflich langanhaltende unverdiente Langmut mit dem Unterdrücker und selbstsogenannten Feind war zu beobachten, nach 60 Jahren Schikanen bis zur Vertreibung. Die sanften, freundlichen Leute, verängstigt, ein wenig hilflos, liessen sich möglichst wenig davon anmerken.

Wenn ich nur schon an den bemitleidenswerten Mahmud Abbas denke, der sich einfach nicht zerreiben lässt im Schraubstock von unmöglichen Vorgaben israelischerseits – er ist verantwortlich für Ruhe im Land trotz unablässiger Provokationen, sinnlosen Morden, Häuserzerstörungen, Kollektivstrafen und Landraub. Zudem wurde er in all diesen Jahren von Israel nur immer verhöhnt für seine Machtlosigkeit. Von den Palästinensern wird er mit seiner Entourage der Korruption bezichtigt. Etwas, was ich nicht durchschaue. Natürlich merkt man überall, dass sich Leute auf beiden Seiten der Mauer bereichern, wenn sie Gelegenheit dazu haben, dass es faule und verschlagene Menschen gibt, denen es besser geht als anderen. Ob Abu Mazen dafür verantwortlich ist, weiss ich nicht. Trotzdem bewundere ich ihn ein bisschen für seine Haltung in dieser misslichen Situation. Er muss seinen Leuten Mut machen und lässt sich keine Verzweiflung anmerken. Und was er sagt in der UNO, ist meistens genau richtig.

Mitleid wollten die Leute in der Westbank nicht, aber endlich Ruhe und in Anstand leben, das wäre ihnen von Herzen zu gönnen gewesen. Nun ist es ausgebrochen. Ist es eine Intifada? Noch weiss man nicht, wie weit es geht und wer dann alles dabei mitmischt. Aber ich muss sagen, es war absolut zwingend herbeigeführt. Natürlich konnte man nicht vorhersehen, wie genau es ausbrechen würde oder wann. Aber es gab nun wöchentlich Nachrichten von einer Unerträglichkeit, dass einem das Blut gefriert.

Leider ist die Propaganda undurchdringlich. Ich weise darauf hin, dass die Hasbara, ein Programm, um weltweit den Ruf der jüdischen bzw. israelischen Gesellschaft positiv zu färben, dem Verteidigungsministerium untersteht und unheimlich gut ausgebaut ist. Es ist zum Verzweifeln, wenn ich am Radio täglich hören muss, es seien Israelis angegriffen worden und “deshalb” seien die fehlbaren Palästinenser erschossen worden. Dann werden die jüdischen Opfer aufgezählt, und kein Wort über die andern. Gestern hörte ich einmal, dass ein junger Israeli Palästinenser getötet habe; in den späteren Nachrichten nie mehr. Ein sorgfältiger Artikel von Claudia Kühner im Tages-Anzeiger war seit langem die erste objektive Darstellung. Heute waren drei Leserbriefe von der andern Seite, welche partout keine Kritik an der Besatzung dulden.

Ich sehe laufend neue Videos, auf denen zum Beispiel eine Palästinenserin (drei verschiedene) von einer Gruppe israelischer Soldaten umstellt und völlig wehrlos erschossen wird. Ein ganz beunruhigendes Video letzte Woche zeigte ganz deutlich, wie Provokateure – offensichtlich IDFs als Palästinenser vermummt – zum Steinewerfen ermuntern und dann mit den Soldaten zusammen die Palästinenser, welche leider vielleicht wirklich einen Stein geworfen haben, aufs Brutalste zusammenschlagen, wieder und wieder, und dann abtransportieren. Man weiss, dass sie in den Jeeps meist mit Lärmbomben traktiert und weiter geschlagen werden. Es werden hunderte von jungen Menschen für ihr Leben geschädigt werden.

Und nun möchte ich auch persönlich ein bisschen Luft machen: Warum nur gelingt es mir nicht, auch nur eine Person in meiner Umgebung von diesem Skandal zu überzeugen? Man hört mir zu, schweigt, und letztlich will man keine “Partei” ergreifen, weil man Israel liebt. Ja, ums Himmels Willen, das tun doch die meisten der israelischen KritikerInnen auch, welche die Besatzung als Schande und Sünde empfinden! Israel befindet sich auf einer abschüssigen Bahn, sagen sie, und befürchten das Schlimmste. Ohne die Besatzung und den Landraub zu beenden, kommt das nie gut.

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