Mein Sommer in Susiya

Wiederum ist das file als pdf hier mit Bildern, der folgende Beitrag ohne.

Ein Sommer in Susiya_PHW

Ein Sommer in Susiya

Als ich erzählen sollte, wo ich wohnte, antwortete ich “Yatta”, doch das half nichts. Sagte ich dann “Susiya”, so waren die Zuhörenden ganz Ohr. Yatta ist eine palästinensische Stadt von 50’000 (2007) bis (nach ungesicherter Quelle) 100’000 Einwohnern, in Susiya wohnen 350.

Zudem ist Susiya sozusagen aus der Karte radiert. Ein Werbefilm der Ariel-Universität über “Susiya, die jüdische Stadt” beginnt mit der Erklärung: Es gibt zwei Susya, eines ist die israelische Siedlung (seit 1982) auf einem Hügel, das andere ist die Ausgrabungsstätte, wo heute eine touristische Anlage steht.  Dort gibt es eine Synagoge, deren Mosaikboden 1971 entdeckt worden war.

Der Mosaikboden weist unter anderem auf eine Synagoge hin. Die palästinensische Familie, welche im Gelände wohnte, wurde schon 1971 weggewiesen.

Die Tafel am Eingang des Archäologieparks weist Susiya als bedeutende jüdische Stadt aus. Eine andere Bevölkerung wird nicht erwähnt.

Spuren einer Moschee

Keine Erwähnung findet die ebenfalls gefundenen Ruinen einer Moschee, ebensowenig weiss man über die Bewohner und das Leben in der kleinen Stadt, welches 1986 ein gewaltsames Ende fand.

Das führt uns zum dritten Susiya, das es gar nicht geben sollte.

Es  sind die ehemaligen palästinensischen EinwohnerInnen von Alt-Susiya, welche – angeblich aufgrund der historischen Bedeutung der Stätte und weil man daher nicht darin wohnen dürfe –  eines Tages vertrieben wurden, und ihre Nachkommen. Darauf wurde ihr Wohnort eingezäunt. Inzwischen sind auf dem Gelände drei Familien, es ist ein Gastbetrieb und ein Freilichtmuseum. Die ehemaligen BewohnerInnen werden (auch bei Bezahlen des Eintritts) nicht eingelassen.

Sie haben sich nach der Vertreibung auf ihrem Landwirtschaftsboden niedergelassen, in neuen Häusern, Hütten und Wohnhöhlen. Der Landbesitz ist verbrieft, weshalb die israelische Besatzungsmacht keine Möglichkeit hatte, die Menschen zu vertreiben. Erst mit den Oslo-Abkommen kam das Land als Area C unter israelische Verfügungsgewalt.

Nun wohnten sie jedoch dicht am Fusse des Hügels unter der jüdischen Siedlung, auf dem Land, das jene seit Jahren zu annektieren versucht – denn dieses Gebiet liegt mitten zwischen der annektierten Ausgrabungsstätte Alt-Susya, ein Aussenposten der Siedlung und dieser selbst. Strom und Wasser führen vorbei. Damit werden die Palästinenser aber nicht versorgt, weil sie angeblich illegal da seien, das Land nicht zum Wohnen geeignet, zu abgelegen sei. Aus diesen Gründen wurde ihnen keine Zugangsstrasse erlaubt und kein Masterplan für eine Baubewilligung fand Zustimmung.

Seit der Aussiedlung der Susiyaner auf ihr Land gibt es einen Kleinkrieg der Siedler gegen sie. Es geht um das Weideland. Das Militär unterstützte in all den Jahren die Landnahme und tolerierte die meisten Übergriffe. Immer wieder wurden die Häuser zerstört. Heute gibt es nur noch Zelte. Die Obst- und Olivenbäume wurden zerstört, Zisternen wurden verunreinigt. Internationale und jüdische Hilfsorganisationen helfen bis heute unermüdlich, mit Wasser und Solarzellen vor Ort, mit juristischer und medialer Unterstützung in der Öffentlichkeit.

Zisternen ausserhalb der Wohnstätten wurden, soweit sie nicht einfach übernommen wurden, immer wieder sabotiert.  Internationale Hilfe hat Wassertanks gebracht, doch das Füllen ist nicht billig und die Qualität nicht gut.

Wasser muss teuer gekauft und herbeigeführt werden; das Dorf lebt auf, wenn der seltene Nachschub eintrifft.

Doch all das hat nichts genützt, als im Mai 2015 das Oberste Gericht in Israel entschied, das Dorf dürfe bereits vor der Beratung über den Masterplan am 3. August 2015 zerstört werden, ohne dem Gerichtstermin aufschiebende Wirkung zu geben. Seither sind die über 300 Bewohnerinnen und Bewohner unter gewaltigem Druck. Sie haben schon viele Zerstörungen erlebt.  Von 2012 gibt es ein eindringliches Video.

Nun wurden die Hilfsorganisationen aufgeschreckt. Susiya ist in den Jahren gewachsen und funktioniert leidlich. Die Bewohner haben keine Alternative und wollen nicht auf ihr Land verzichten – sie wissen aus langer Erfahrung, dass in dem Moment, in dem sie wegzögen, ihr Land ohne formelle Enteignung den Siedlern zufiele.

Blick auf die Siedlung Suseya

Unter den HelferInnen war auch eine eilig zusammengerufene Gruppe von EAPPI (Ökumenische Begleitpräsenz in Palästina und Israel), mit denen ich ungefähr den Monat Juli verbrachte. Wir boten ununterbrochene Präsenz während der “heissen Phase”. Endpunkt war der Gerichtstermin vom 3. August. Anfang Juli fuhren die Bulldozer auf, blieben aber in der Militärbasis stehen. Die Zerstörung des Dorfes konnte jede Minute passieren. Doch es hatte sich allmählich herumgesprochen, dass die IDF nicht während des Ramadan zuschlagen würden.  Das muss man sich so vorstellen: Ein Wagen der DCO (Distriktverwaltung) fährt ab und zu ins Zeltdorf. Beamte und Soldaten steigen aus und machen Fotos, und wenn sie angesprochen werden, geben sie – oft sehr ungenaue – Antworten. Auf diesem Weg konnte man nie genau wissen, aber vermuten. Und je länger wir da waren und je mehr über das Dorf berichtet wurde, umso stärker glaubten wir, dass die Zerstörung nicht stattfinde während des Ramadan, nicht während dem Festtag zum Abschluss Eid-al-Fitr.

Spannung und Aktivitäten

Aber der Sonntag oder Montag darauf galten als gefährlich, höchste Präsenz war angesagt. Besuche von Medien, von UN- und EU-Delegationen und DiplomatInnen verwandelten das Zeltdorf für die folgende Woche in einen internationalen Hotspot.

Unter den diplomatischen Höhepunkten waren mehrere EU-Delegationen, die US-Aussendepartements-Stellvertreterin, zahlreiche Vertretungen einzelner Staaten, darunter auch die Schweizer Vertretung (zweimal), die UN, UNOCHA, die Palästinensische Autonomiebehörde. Der Zustrom von Aktivistengruppen wurde immer stärker, Rabbis for Human Rights, B’Tselem, Operazione Colomba. Schliesslich fand am 23. Juli eine Grossdemonstration statt, unglaublich, wie viele Menschen den Weg in die Hügel südlich von Hebron gefunden hatten.

Konferenzen der Hilfsorganisationen

und politische Delegationen

Doch wie leben Menschen in einem Dorf, das an jedem nächsten Morgen plattgewalzt werden kann? Es sind erstaunlich wache, aktive, tapfere Männer und Frauen, im Grossen Ganzen Angehörige von drei Familien. Jede und jeder scheint eine die tägliche Arbeit feste Aufgabe im Geflecht der Verteidigung, Kommunikation, Diplomatie, Versorgung zu haben. Die Frauen sind genauso fähig wie Männer, vor einer ausländischen Delegation aufzustehen und die Situation ihres Dorfes zu erklären und um Beistand zu bitten.

Sie sind auch, trotz dezenter Verschleierung, sportlicher und lockerer gekleidet, um in der rauen Umgebung, z.B. ohne Strasse, ohne Infrastruktur die tägliche Arbeit zu bewältigen.

Medizinische Versorgung

Die Kinder sind überall, in Gruppen, auf dem von einer australischen Organisation finanzierten Spielplatz, bei uns. Es sind Ferien. Während den langen, heissen Sommerstunden im Ramadan gibt es allerdings auch Zeiten, wo kein Mensch zu sehen ist. Doch gegen Abend sind sie alle wieder aktiv.

Sind es ganz normale Kinder? Wie wächst man auf in dieser Bedrohung, in dieser aufgeladenen Atmosphäre, mitten in internationaler Aufmerksamkeit? Sie können ein bisschen Englisch, können Fotografieren und Filmen – das hat ihnen der Umgang mit den „Internationalen“ gebracht. In dieser nervösen Zeit nach dem Ramadan verwickeln sie die internationalen HelferInnen in Sommercamp-Aktivitäten, das tut ihnen sichtlich gut. Vielleicht sind sie auch ein bisschen verwöhnt oder überdreht von ihrer Rolle als Mittelpunkt für kurze Zeit, als Motiv für Fotos und Filme. Ganz sicher ist zu beobachten, wie wechselhaft die meisten sind. Mal freundlich, mal garstig, mal aggressiv, und man kann den Grund nicht herausfinden. Dass die Kinder aber im höchsten Mass belastet sind von dieser Situation der unmittelbaren Gefährdung, das ist ganz offensichtlich. Sie leben in prekären Verhältnissen – in Zelten, ohne Nomaden zu sein –  mit der andauernden Verachtung durch die Siedler und Soldaten, mit ständiger Bedrohung ihrer Existenz.

Wir selber haben auch nicht gut geschlafen in dieser Zeit der schützenden Präsenz. Während vielen Nächte kreisten Helikopter über uns – das ist sehr beunruhigend in Zelten. Jeden Tag gab es „Besuche“ von Siedlern und Soldaten. Offenbar hatten die jüdischen SiedlerInnen Bekannte aus Israel zu Ausflügen nach Alt-Susiya herbeigerufen, es gab einen Kinderausflug über das palästinensische Gebiet, eine Frauen-Jogging-Gruppe. Als ich diese filmte, kam eine der Frauen auf mich zu und rief: „Hu-uh, hello! This is my country!“

Joggerinnen zwischen Siedlung und dem Ausflugspark Alt-Susiya

Die tapferen BewohnerInnen des Zeltdorfes haben sich nichts anmerken lassen. Nach dem Eingangssatz: „When they come, when they demolish us …“, sagten sie stets, dann würden sie gleich wieder aufbauen. Ich glaube, die internationale und jüdische Hilfe war auch schon völlig vorbereitet mit neuen Zelten. Kurz vor Ende des Ramadan, kurz vor der wirklich gefürchteten Zeit, waren aber dennoch einige Vorkehrungen zu beobachten. Ein älteres Ehepaar liess eine gewaltige Kiste zu Verwandten in die Stadt Yatta verfrachten. Es seien ihre Buttervorräte, welche in jeder vorangegangenen Zerstörung verloren gegangen seien, erfuhren wir. Jugendliche, vor allem grössere junge Mädchen, wurden zu ihren Verwandten geschickt. Und Abu Jihad verkaufte fünf Schafe. Warum genau, konnte ich nicht herausbringen. Sicher hatten die Menschen Angst.

Und der Erfolg

Mit der Zeit weiss man, dass die hektisch erwarteten grossen Daten nie wirklich Punkte sind. In der Woche nach dem Ramadan festigte sich der Glaube, die israelische Militärverwaltung werde die Zerstörung von Susiya nicht angesichts der internationalen Verurteilung und Aufmerksamkeit riskieren. In „Haaretz“ wurde der plötzliche Fund eines Dokuments gemeldet, welches den Landbesitz für mindestens eine der Familien bestätige. Ein Kommentator vermutete, die israelische Militärverwaltung habe die längst bekannte Tatsache der Zeitung zugespielt, um die den Siedlern versprochene Zerstörung nicht durchführen zu müssen.

Es blieb aber Alarmbereitschaft bis zum Gerichtstermin. Am 3. August wäre er von einem ungeheuren Publikumsaufmarsch begleitet gewesen. Doch er wurde ausgesetzt – vielleicht am Abend vorher oder erst am Morgen. Man munkelte vom 11. August, auch dieser ging vorbei. Seither ist nichts passiert. Ein Erfolg? In Jerusalem und in der Westbank ging die Besatzung weiter, mit Anschlägen, Toten, nächtlichen Verhaftungen, mit Landnahme und Siedlungsbau.

Susiya wurde gerettet. Doch es gibt keine Zusage, dass es nicht eines Morgens im nächsten Winter zerstört wird.

Pia Holenstein

Alltag mit Wassertank, Gemeinschaftsraum, Schafen

Ein Sommer in Susiya

Als ich erzählen sollte, wo ich wohnte, antwortete ich “Yatta”, doch das half nichts. Sagte ich dann “Susiya”, so waren die Zuhörenden ganz Ohr. Yatta ist eine palästinensische Stadt von 50’000 (2007) bis (nach ungesicherter Quelle) 100’000 Einwohnern, in Susiya wohnen 350.

Zudem ist Susiya sozusagen aus der Karte radiert. Ein Werbefilm der Ariel-Universität über “Susiya, die jüdische Stadt” beginnt mit der Erklärung: Es gibt zwei Susya, eines ist die israelische Siedlung (seit 1982) auf einem Hügel, das andere ist die Ausgrabungsstätte, wo heute eine touristische Anlage steht.  Dort gibt es eine Synagoge, deren Mosaikboden 1971 entdeckt worden war.

Der Mosaikboden weist unter anderem auf eine Synagoge hin. Die palästinensische Familie, welche im Gelände wohnte, wurde schon 1971 weggewiesen.

Die Tafel am Eingang des Archäologieparks weist Susiya als bedeutende jüdische Stadt aus. Eine andere Bevölkerung wird nicht erwähnt.

Spuren einer Moschee

Keine Erwähnung findet die ebenfalls gefundenen Ruinen einer Moschee, ebensowenig weiss man über die Bewohner und das Leben in der kleinen Stadt, welches 1986 ein gewaltsames Ende fand.

Das führt uns zum dritten Susiya, das es gar nicht geben sollte.

Es  sind die ehemaligen palästinensischen EinwohnerInnen von Alt-Susiya, welche – angeblich aufgrund der historischen Bedeutung der Stätte und weil man daher nicht darin wohnen dürfe –  eines Tages vertrieben wurden, und ihre Nachkommen. Darauf wurde ihr Wohnort eingezäunt. Inzwischen sind auf dem Gelände drei Familien, es ist ein Gastbetrieb und ein Freilichtmuseum. Die ehemaligen BewohnerInnen werden (auch bei Bezahlen des Eintritts) nicht eingelassen.

Sie haben sich nach der Vertreibung auf ihrem Landwirtschaftsboden niedergelassen, in neuen Häusern, Hütten und Wohnhöhlen. Der Landbesitz ist verbrieft, weshalb die israelische Besatzungsmacht keine Möglichkeit hatte, die Menschen zu vertreiben. Erst mit den Oslo-Abkommen kam das Land als Area C unter israelische Verfügungsgewalt.

Nun wohnten sie jedoch dicht am Fusse des Hügels unter der jüdischen Siedlung, auf dem Land, das jene seit Jahren zu annektieren versucht – denn dieses Gebiet liegt mitten zwischen der annektierten Ausgrabungsstätte Alt-Susya, ein Aussenposten der Siedlung und dieser selbst. Strom und Wasser führen vorbei. Damit werden die Palästinenser aber nicht versorgt, weil sie angeblich illegal da seien, das Land nicht zum Wohnen geeignet, zu abgelegen sei. Aus diesen Gründen wurde ihnen keine Zugangsstrasse erlaubt und kein Masterplan für eine Baubewilligung fand Zustimmung.

Seit der Aussiedlung der Susiyaner auf ihr Land gibt es einen Kleinkrieg der Siedler gegen sie. Es geht um das Weideland. Das Militär unterstützte in all den Jahren die Landnahme und tolerierte die meisten Übergriffe. Immer wieder wurden die Häuser zerstört. Heute gibt es nur noch Zelte. Die Obst- und Olivenbäume wurden zerstört, Zisternen wurden verunreinigt. Internationale und jüdische Hilfsorganisationen helfen bis heute unermüdlich, mit Wasser und Solarzellen vor Ort, mit juristischer und medialer Unterstützung in der Öffentlichkeit.

Zisternen ausserhalb der Wohnstätten wurden, soweit sie nicht einfach übernommen wurden, immer wieder sabotiert.  Internationale Hilfe hat Wassertanks gebracht, doch das Füllen ist nicht billig und die Qualität nicht gut.

Wasser muss teuer gekauft und herbeigeführt werden; das Dorf lebt auf, wenn der seltene Nachschub eintrifft.

Doch all das hat nichts genützt, als im Mai 2015 das Oberste Gericht in Israel entschied, das Dorf dürfe bereits vor der Beratung über den Masterplan am 3. August 2015 zerstört werden, ohne dem Gerichtstermin aufschiebende Wirkung zu geben. Seither sind die über 300 Bewohnerinnen und Bewohner unter gewaltigem Druck. Sie haben schon viele Zerstörungen erlebt.  Von 2012 gibt es ein eindringliches Video.

Nun wurden die Hilfsorganisationen aufgeschreckt. Susiya ist in den Jahren gewachsen und funktioniert leidlich. Die Bewohner haben keine Alternative und wollen nicht auf ihr Land verzichten – sie wissen aus langer Erfahrung, dass in dem Moment, in dem sie wegzögen, ihr Land ohne formelle Enteignung den Siedlern zufiele.

Blick auf die Siedlung Suseya

Unter den HelferInnen war auch eine eilig zusammengerufene Gruppe von EAPPI (Ökumenische Begleitpräsenz in Palästina und Israel), mit denen ich ungefähr den Monat Juli verbrachte. Wir boten ununterbrochene Präsenz während der “heissen Phase”. Endpunkt war der Gerichtstermin vom 3. August. Anfang Juli fuhren die Bulldozer auf, blieben aber in der Militärbasis stehen. Die Zerstörung des Dorfes konnte jede Minute passieren. Doch es hatte sich allmählich herumgesprochen, dass die IDF nicht während des Ramadan zuschlagen würden.  Das muss man sich so vorstellen: Ein Wagen der DCO (Distriktverwaltung) fährt ab und zu ins Zeltdorf. Beamte und Soldaten steigen aus und machen Fotos, und wenn sie angesprochen werden, geben sie – oft sehr ungenaue – Antworten. Auf diesem Weg konnte man nie genau wissen, aber vermuten. Und je länger wir da waren und je mehr über das Dorf berichtet wurde, umso stärker glaubten wir, dass die Zerstörung nicht stattfinde während des Ramadan, nicht während dem Festtag zum Abschluss Eid-al-Fitr.

Spannung und Aktivitäten

Aber der Sonntag oder Montag darauf galten als gefährlich, höchste Präsenz war angesagt. Besuche von Medien, von UN- und EU-Delegationen und DiplomatInnen verwandelten das Zeltdorf für die folgende Woche in einen internationalen Hotspot.

Unter den diplomatischen Höhepunkten waren mehrere EU-Delegationen, die US-Aussendepartements-Stellvertreterin, zahlreiche Vertretungen einzelner Staaten, darunter auch die Schweizer Vertretung (zweimal), die UN, UNOCHA, die Palästinensische Autonomiebehörde. Der Zustrom von Aktivistengruppen wurde immer stärker, Rabbis for Human Rights, B’Tselem, Operazione Colomba. Schliesslich fand am 23. Juli eine Grossdemonstration statt, unglaublich, wie viele Menschen den Weg in die Hügel südlich von Hebron gefunden hatten.

Konferenzen der Hilfsorganisationen

und politische Delegationen

Doch wie leben Menschen in einem Dorf, das an jedem nächsten Morgen plattgewalzt werden kann? Es sind erstaunlich wache, aktive, tapfere Männer und Frauen, im Grossen Ganzen Angehörige von drei Familien. Jede und jeder scheint eine die tägliche Arbeit feste Aufgabe im Geflecht der Verteidigung, Kommunikation, Diplomatie, Versorgung zu haben. Die Frauen sind genauso fähig wie Männer, vor einer ausländischen Delegation aufzustehen und die Situation ihres Dorfes zu erklären und um Beistand zu bitten.

Sie sind auch, trotz dezenter Verschleierung, sportlicher und lockerer gekleidet, um in der rauen Umgebung, z.B. ohne Strasse, ohne Infrastruktur die tägliche Arbeit zu bewältigen.

Medizinische Versorgung

Die Kinder sind überall, in Gruppen, auf dem von einer australischen Organisation finanzierten Spielplatz, bei uns. Es sind Ferien. Während den langen, heissen Sommerstunden im Ramadan gibt es allerdings auch Zeiten, wo kein Mensch zu sehen ist. Doch gegen Abend sind sie alle wieder aktiv.

Sind es ganz normale Kinder? Wie wächst man auf in dieser Bedrohung, in dieser aufgeladenen Atmosphäre, mitten in internationaler Aufmerksamkeit? Sie können ein bisschen Englisch, können Fotografieren und Filmen – das hat ihnen der Umgang mit den „Internationalen“ gebracht. In dieser nervösen Zeit nach dem Ramadan verwickeln sie die internationalen HelferInnen in Sommercamp-Aktivitäten, das tut ihnen sichtlich gut. Vielleicht sind sie auch ein bisschen verwöhnt oder überdreht von ihrer Rolle als Mittelpunkt für kurze Zeit, als Motiv für Fotos und Filme. Ganz sicher ist zu beobachten, wie wechselhaft die meisten sind. Mal freundlich, mal garstig, mal aggressiv, und man kann den Grund nicht herausfinden. Dass die Kinder aber im höchsten Mass belastet sind von dieser Situation der unmittelbaren Gefährdung, das ist ganz offensichtlich. Sie leben in prekären Verhältnissen – in Zelten, ohne Nomaden zu sein –  mit der andauernden Verachtung durch die Siedler und Soldaten, mit ständiger Bedrohung ihrer Existenz.

Wir selber haben auch nicht gut geschlafen in dieser Zeit der schützenden Präsenz. Während vielen Nächte kreisten Helikopter über uns – das ist sehr beunruhigend in Zelten. Jeden Tag gab es „Besuche“ von Siedlern und Soldaten. Offenbar hatten die jüdischen SiedlerInnen Bekannte aus Israel zu Ausflügen nach Alt-Susiya herbeigerufen, es gab einen Kinderausflug über das palästinensische Gebiet, eine Frauen-Jogging-Gruppe. Als ich diese filmte, kam eine der Frauen auf mich zu und rief: „Hu-uh, hello! This is my country!“

Joggerinnen zwischen Siedlung und dem Ausflugspark Alt-Susiya

Die tapferen BewohnerInnen des Zeltdorfes haben sich nichts anmerken lassen. Nach dem Eingangssatz: „When they come, when they demolish us …“, sagten sie stets, dann würden sie gleich wieder aufbauen. Ich glaube, die internationale und jüdische Hilfe war auch schon völlig vorbereitet mit neuen Zelten. Kurz vor Ende des Ramadan, kurz vor der wirklich gefürchteten Zeit, waren aber dennoch einige Vorkehrungen zu beobachten. Ein älteres Ehepaar liess eine gewaltige Kiste zu Verwandten in die Stadt Yatta verfrachten. Es seien ihre Buttervorräte, welche in jeder vorangegangenen Zerstörung verloren gegangen seien, erfuhren wir. Jugendliche, vor allem grössere junge Mädchen, wurden zu ihren Verwandten geschickt. Und Abu Jihad verkaufte fünf Schafe. Warum genau, konnte ich nicht herausbringen. Sicher hatten die Menschen Angst.

Und der Erfolg

Mit der Zeit weiss man, dass die hektisch erwarteten grossen Daten nie wirklich Punkte sind. In der Woche nach dem Ramadan festigte sich der Glaube, die israelische Militärverwaltung werde die Zerstörung von Susiya nicht angesichts der internationalen Verurteilung und Aufmerksamkeit riskieren. In „Haaretz“ wurde der plötzliche Fund eines Dokuments gemeldet, welches den Landbesitz für mindestens eine der Familien bestätige. Ein Kommentator vermutete, die israelische Militärverwaltung habe die längst bekannte Tatsache der Zeitung zugespielt, um die den Siedlern versprochene Zerstörung nicht durchführen zu müssen.

Es blieb aber Alarmbereitschaft bis zum Gerichtstermin. Am 3. August wäre er von einem ungeheuren Publikumsaufmarsch begleitet gewesen. Doch er wurde ausgesetzt – vielleicht am Abend vorher oder erst am Morgen. Man munkelte vom 11. August, auch dieser ging vorbei. Seither ist nichts passiert. Ein Erfolg? In Jerusalem und in der Westbank ging die Besatzung weiter, mit Anschlägen, Toten, nächtlichen Verhaftungen, mit Landnahme und Siedlungsbau.

Susiya wurde gerettet. Doch es gibt keine Zusage, dass es nicht eines Morgens im nächsten Winter zerstört wird.

Pia Holenstein

Alltag mit Wassertank, Gemeinschaftsraum, Schafen

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