Azzun Atma, die traurige Enklave

Mit Azzun Atma bin ich nie warm geworden. Eine Stadt, die ich an zwei Rändern kannte: Dem Eingang mit zwei gelben Tafeln und einem Checkpoint, an dem sich hässliche Szenen abspielten.

(Bilder sind im Link dazu zu finden, im vorhergehenden Post.)

Mit einem Taxi fährt man durch die Stadt auf die andere Seite an den Checkpoint, zur “israelischen” Grenze. Der Besitz eines Autos lohnt sich kaum, denn nur wenige Autos dürfen durch den Eingang, dafür stehen dort die Taxis bereit.

Die Tafeln vor der Stadt arabisch und hebräisch konnte ich nicht lesen. Das ist stellvertretend für lauter Unbegreiflichkeiten. Wieso ist hier überhaupt eine Kontrolle? Man erzählt uns, dass einst ein Mord an einem israelischen Reservisten – nicht hier und nicht von einem Bewohner – dahingehend gebüsst wurde, dass man den Eingang zur Stadt durch einen zweiten, mobilen Checkpoint abschloss. Diese Anlage bleibt seit Jahren bestehen, ohne Grund, ohne Berechtigung, vielleicht sogar ohne Wissen der offiziellen israelischen Behörden.

Kinder möchten in diese Stadt. In die Schule oder einfach so? Die Soldaten verlangen ihre Passierscheine. Kinder bis 16 Jahre brauchen eigentlich keine, bzw. sie haben keine Identitätskarten, brauchen aber welche, wenn sie sich bewegen wollen, und deshalb brauchen sie hier Bewilligungen. In diesem Fall wurden sie nicht eingelassen. Der Soldat links fand, die Permits seien Kopien und gälten deshalb nicht. (Meine Kollegin liess sich prompt einschüchtern und zeigte damit, wie dieser Legalismus funktioniert: Irgendein rechtlicher Einwand verspricht die Legalität dieser Massnahmen. Es stimmt aber natürlich nicht. Der Eingang ist aus dem palästinensischen Gebiet in eine palästinensische Stadt; die Kinder brauchen keine Einlassscheine. Eine kopierte Bewilligung ist in den Händen von Kindern zweifellos besser als das Original.)

Es stellte sich heraus, dass diese Soldaten gerade neu gekommen waren und noch keine Ahnung hatten von den Regeln (denn an jedem Ort ist eine völlig andere Situation, gelten andere Regeln). Sie liessen die Kinder nicht passieren, weil sie vielleicht glaubten, die Ausweise genügten nicht.

Hier müssen alle Schülerinnen und Schüler zur grossen Schule durch. Es ist eine palästinensische Schule für Kinder – gemischt – und junge Frauen. Bei den Frauen ist schwer zu unterscheiden, ob sie Lehrerinnen oder Schülerinnen sind. Einige kommen zu Fuss, andere in einem Bus. Wir beobachten, wie sie durch und durch kontrolliert werden, der Bus wartet lange, ein Soldat mit aufgepflanzem Gewehr macht seinen Rundgang darin, die einzelnen zu Fuss müssen oft ihre Taschen auspacken. Dabei gehen sie ja nur in ihre Schule in ihrem eigenen Gebiet! Was ist der Grund?

Über dem Städtchen ist eine Siedlung: Sha’arei Tikva (und weiter entfernt: Etz Efrayim, Elkana und Magen Dan).

Schule und Schulhof sind angelegt für die ganze Region. Nun haben nur die Kinder aus dem Ort ungehindert Zugang.

Das ist die Situation in der Stadt, direkt bei der Schule: Die Siedler haben sich auf dem Hügel niedergelassen und Mauern gebaut gegen ihre “Feinde”. Das Loch rechts ist ein Abwasserrohr, aus welchem sie ihre Fäkalien ungesäubert nach Azzun Atma leiten. Wahrscheinlich ist die Mauer vorn entstanden, nachdem mehrmals die Olivenhaine und der Schulhof von Abwasser überflutet worden waren (entsprechende Filmaufnahmen unserer Kollegen vom Jahr vorher haben wir gesehen). Leider sind viele Beobachtungen nicht weiter recherchiert: Wo so viel Unglaubliches geschieht, mag man nicht jedes Detail abklären, also hier: Wer hat die untere Mauer wann gebaut.

Nun umschliesst eine Mauer Azzun Atma, früher sicher eine lebendige und zum Teil auch reiche palästinensische Stadt.

Zeichen alter Vornehmheit, doch wir erleben nur geschlossene Läden, gespenstische Stille, Abfall, Hunde.

Auf der andern Seite der Checkpoint, die “richtige” Grenze zu Israel.

Israel? Man ist doch direkt im Westjordanland. Die Stadt Oranit ist eine Siedlung auf der Westseite der grünen Grenze vom Sechstagekrieg 1967, klar illegal im internationalen Kontext, doch von Israel aktiv gefördert und von der Grenzmauer eingefasst.

Schon wenn es noch Nacht ist, stehen Menschen Schlange, bis sie ab 04.00 Uhr durch die Kontrollinstallationen eingelassen werden.

Viele kommen von weit her mit einem Taxi, Sammeltaxi, Privatauto oder zu Fuss. Im Gegensatz zum Eingang in die Stadt gilt diese Grenze als offizieller Übergang zu Israel. Selbstverständlich nur zu Fuss. Auf der andern Seite warten die Busse, bzw. sie warten eben nicht, und die Dauer der Kontrollen verunmöglichen oft die rechtzeitigen Ankunft am Arbeitsplatz.

Die Palästinenser, welche durch diesen Grenzübergang nach Oranit reisen, haben dort einen Arbeitgeber: Oft sind sie ironischerweise direkt am Bau der Siedlung auf ihrem eigenen Land angestellt, haben Siedler als Arbeitgeber in Haus und Garten oder wo auch immer. Diese erhalten für sie eine Bewilligung zum Eintritt. Nicht selten haben wir erlebt, dass ein Passierschein einfach ungültig war, ohne dass der Arbeiter den Grund wusste. Er musste annehmen, dass sein Arbeitgeber jemand anderen gefunden und seine Bewilligung annulliert hatte.

Untypisch ist die Anlage, weil sie tagsüber wenig Durchgänge verzeichnet. Man kann erkennen, dass für die Rückkehr keinerlei Kontrolle vorgesehen ist: Israelis wie Palästinenser können frei in ihre Enklave.

Links ist der Eingang, auf dem sich frühmorgens Tausende von Grenzgängern oft stundenlang hindurchquälen müssen. Passierscheine gibt es nur für Arbeitende und natürlich nur für einen Tag, übernachten ist ausgeschlossen.

Diese Kontroll-Einrichtungen werden meist von privaten Sicherheitsfirmen geführt, Elbit-Systems zum Beispiel (von denen unser Bundesrat sagt, sie seien ja nicht staatlich israelisch, also könne man bei ihnen Verkäufe tätigen).

Bilder April-Juli 2014, Text August 2015, Pia Holenstein

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