Was Susiya bedeuten kann

Die welweite Aufmerksamkeit auf die Zerstörung von Susiya könnte ein Meilenstein sein, die jüdische Landaneignung in Palästina zu einem Ende zu bringen. In Susiya tritt die Ungerechtigkeit klar zutage – und auch die Praxis, Menschen aus ihrem Wohnzelt zu verjagen und ihr Hab und Gut vor ihren Augen plattzuwalzen aufgrund einer absurden Gesetzgebung, kann in ihrer Menschenverachtung in seltener Deutlichkeit beurteilt werden.

Nur schon, dass die geplante Ausführung bisher aufgehalten wurde, ist ein Erfolg, und wir hoffen einfach, dass diese Dorf am Leben gelassen wird. Wir hoffen aber auch, dass die andern Zelte der vertriebenen Nachbarn, von denen man jetzt nichts hört, ebenfalls bestehen bleiben können.

Abgesehen von der Ungeheuerlichkeit, ein Dorf von 300 Einwohnern plattzumachen, weil sie keine Baubewilligung hätten, dringt allmählich ins Bewusstheit, welche weiteren Mechanismen israelischer Landnahme dahinterstecken. Obwohl die Zeitungen nur ungenügend informieren.

Gestern berichtet Ha’aretz – scheinbar überrascht, dass die Menschen von Susiya ja das Land (zum Teil nachweisbar) besitzen, auf welchem sie wohnen. Kein Wort von der Vertreibung aus ihrem Dorf, kein Wort von der jüdischen Siedlung, welche den Druck zur Vertreibung überhaupt auslöst, weil sie das Land an sich reissen wollen – und dennoch schon ein kleines Lüften der dichten Verhüllungsschleier. Unglaublich, dass diese Klarstellung überhaupt notwendig ist, wurde doch nie das Eigentum in Frage gestellt. Doch die komplizierten Fragestellungen, welche das Höchste Gericht zur Zerstörungserlaubnis gebracht haben, werden es ohnehin nicht bis in die Medien schaffen.

Wie der Tages-Anzeiger in der Schweiz berichtet hat, bekam man den Eindruck, die Leute siedelten sich einfach illegal irgendwo an und würden nun leider vertrieben. Ein bisschen Mitleid, aber keine Empörung.

Wenn nun die Fakten um Susiya allmählich aufgedeckt werden, wird die Ungeheuerlichkeit der Landnahme endlich deutlich, und das könnte der überall in der Westbank laufenden Enteignungspolitik vielleicht ein Ende setzen.

Es ist kompliziert, und mit jedem Monat der Besatzung wird das Geflecht von Interessen und Übergriffen undurchdringlicher, an jedem Ort ist die Ausprägung ein wenig anders, weil auch die Profiteure andere sind.

Ein Versuch, drei Gemeinsamkeiten herauszustellen:

1. Die Siedlungen. Ansiedlung eigener Bevölkerung im besetzten Gebiet ist klar illegal. Die jüdische Siedlung Susya hat den Namen des palästinensischen Dorfes angeeignet, und wenn ein Teilstück des Landes vielleicht gekauft wurde – das ist unbekannt – so ist um den Kern der Siedlung ein breites Band aus zweifellos palästinensischem Boden zum Sicherheitsgürtel erklärt und dadurch für Palästinenser unzugänglich gemacht worden. Automatisch ist immer das Militär dabei, jede auch noch so illegale Siedlung zu beschützen. Die Bewohner sind normalerweise aggressiv, schlagen die anwesenden Palästinenser, zerstören ihre Lebensgrundlagen in der Absicht, sie zu vertreiben und ihr Land zu gewinnen. Das ist alles sehr bekannt und manchmal ärgern sich die Soldaten auch über diese Aufgabe, kriminelle Siedler beschützen zu müssen.

2. Verschweigen der Hintergründe und Absichten: Dass Susiya ein bestehendes palästinensisches Dorf war, wurde damals nicht bezweifelt, als 1986 die Einwohner vertrieben wurden, weil sie auf archäologisch wertvollem Gebiet wohnten. Wie mitten in Hebron Tel Rumeida von der Archäologie beansprucht wurde und die Bewohner enteignet und vertrieben wurden. Darauf, mitten darauf, entstand ein Hochhaus für jüdische Siedler, was jeder wissenschaftlichen Ausgrabungsidee Hohn spricht. – Durchsichtig ist die Archäologie Vorwand, um Gebiete, die fest in palästinensischem Besitz sind und an die auf keine andere Weise heranzukommen ist, zu übernehmen. In Alt-Susiya wohnen jetzt auch Siedler.

3. Area C: Die Osloer Abkommen von 1994 waren als Schritt der 2-Staaten-Lösung gedacht, und die Palästinenser wurden mit der Tatsache konfrontiert, dass 60 %  ihres Landes, die ländlichen Gebiete, der israelischen Militärverwaltung unterstellt blieben. Das heisst, jegliche Planung und Bauvorhaben müssen genehmigt werden. Dass dies darauf hinausläuft, dass keine Baubewilligungen erteilt werden, sondern alle bestehenden Häuser Zerstörungsbefehle erhalten, wusste man wohl damals nicht und ist bis heute im Ausland nicht bekannt. Das ist die “Legitimität” der Häuserzerstörungen, ein Gesetz, das gänzlich andere Zielsetzungen hatte, und nun zur gnadenlosen Aneignung von Land ausgelegt wird.

Zwischenbemerkung: Eine Häuserzerstörung letzte Woche in Silwan, Jerusalem. Die Bewohner hatten für die Familie ihr Haus erweitert. Aber wie geht man vor in einem zivilisierten Land, wenn eine Baubewilligung fehlt? Hier so: Um vier Uhr morgens fährt das Militär ein, schiesst Tränengas ins Haus, damit die Bewohner aus den Betten ins Freie stürzen, und sogleich wird gesprengt.

Wer kann dieses Vorgehen gutheissen? Und wieso dürfen wir es nicht kritisieren? Und warum erhält Israel dermassen viel internationale Unterstützung? Und die Hilfswerke bauen wieder auf.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

w

Connecting to %s