Ein Lichtblick

Thomas Meyer, der hoch geschätzte Zürcher Schriftsteller, der sich auch schon sehr problematisch geäussert hat, als er wahllos auf “linke Antisemiten” – welche den Gazakrieg kritisierten – und sehr persönlich gegen einen vermeintlichen Israelkritiker schoss, hat heute einen Beitrag im Tages-Anzeiger veröffentlicht, der schlagend eine grossartige Auswirkung beweist, welche die unermüdlichen Anstrengungen der israelischen Reservisten von “Breaking the Silence” vielleicht endlich doch zeitigen. Und natürlich die der engagierten Menschenrechtler, welche die Ausstellung in andere Länder gebracht haben.

Meyer stellt sich hinter die Ausstellung von Breaking the Silence, welche vom 5.-15. Juni in Zürich zu sehen war und gegen die der Botschafter Yigal Caspi eine Protestnote eingereicht hat (nur gegen die staatliche Unterstützung, hat mich jemand berichtigt; ja, klar, der einzige Angriffspunkt). Die Wahrheit verbieten zu wollen, sei Totalitarismus.

Und zu meiner grossen Erleichterung spricht er am Schluss aus: Er sagt, dieses Land, dass jegliche Kritik an seinen 48 Jahre währenden Untaten abwehrt, müsse Einmischung von aussen dulden. Es hatte viel Zeit für eine eigene “Lösung”, und alles was geschah, war Kriege, Gewalt und Landraub.

Ich will nicht ihm einen Meinungsumschwung unterstellen, dazu kenne ich seine Haltung zu wenig, sondern dass diese Meinungsäusserung jetzt kommt, lässt mich hoffen, dass es bei einigen Menschen, die sich vehement auf die israelische Seite gestellt haben und jegliche Kritik an der Besatzung abgewehrt haben, geschehen ist.

Es gibt eine Reihe von Schwierigkeiten, die einen solchen Meinungsumschwung bisher fast unmöglich machten.

Zum einen die brachialen Methoden der Lobby, welche überwacht, diffamiert, als Antisemiten beschimpft, wer immer es wagt. Zum andern aber die besondere Befindlichkeiten der Menschen in unserem Land – und deren zu vermutende Anzahl verblüfft mich immer wieder – die auf irgend eine Weise entweder Israel oder dem jüdischen Glauben verbunden sind und deshalb vollkommen überzeugt sind, jegliche Kritik an diesem Land sei des Teufels.

Es wird mir immer ein Geheimnis bleiben, aber ich bin überzeugt, den meisten von ihnen selber auch, warum sie derart speziell reagieren. Wir können über alles reden unter uns, sagten die Leute, welche sich Schweizer Juden oder jüdische SchweizerInnen nannten, und sie liessen sich lange darüber aus, welche Bezeichnung richtig sei – kein Wunder, ist es für die andern auch schwierig, die richtige Bezeichnung zu wählen, und es ist wohl den meisten “anderen” recht, wenn man ihnen einfach sagt, wie die jeweilige Person bezeichnet werden will. Das Problem ist aber offensichtlich nicht von aussen gemacht. Die Leute auf dem Podium und im Publikum beim Thema “jüdische Identität in der Schweiz” beklagten sich verschiedentlich, dass man sie auf die Problematik der israelischen Besatzung anspreche, aber damit hätten sie doch nichts zu tun.

Einverstanden, niemand muss sich dafür verantwortlich fühlen, der sich nicht dafür einsetzt oder davon profitiert. Doch was passiert, wenn ich die Besatzung kritisiere? Schweizerische Juden oder Evangelikale oder Israelaffine verbieten jegliche “Einmischung”. Freundschaften zerbrechen, Karrieren versanden, die Medien nehmen deine Äusserungen nicht entgegen, schon viel ist passiert in den letzten fast fünfzig Jahren.

Sie dürften alles unter sich sagen – und sie kritisierten vor allem die Schweizer Politik. Glaub ich sofort, Herr Strassberg. Ich glaube ihm aber nicht, nachdem ich lange zugehört habe, dass jemand in seinem Freundeskreis die Besatzung tatsächlich ungestraft in Frage stellen darf. Denn so, wie ich ihn hörte, diesen Psychologen und Philosophen, findet auch er “die Palästinenser” gefährlich und aggressiv und die Besatzung eine notwendige Sicherheitsmassnahme. Die Vertreterin der Liberalen Juden der Schweiz hielt sich bedauerlicherweise extrem zurück. Von dem wenigen, was sie sagte, blieb: In der Synagoge darf keine Politik geäussert werden, als jemand fragte, ob man Kritik an Menschenrechtsverletzungen toleriere oder nicht. Hier liegt wohl ein Hauptproblem: Die Unterdrückung und den Landraub als “Politik” wegzuschieben, als sei das eine Frage von ein bisschen mehr rechts oder links.

Meyer sagt, dass seine – durchaus moderate – Kritik am vorletzten Gazakrieg auf gewaltige Ablehnung gestossen sei und man habe ihm geboten zu schweigen, wenn er sich nicht hinter Israel stelle. Ja, dieses Schweigen brechen, das wäre nun endlich an der Zeit.

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