Es brennt in Jerusalem

Von Vorgängen und fast zu erwartenden Auswirkungen

Wir haben wieder Schlagzeilen. Ostjerusalemer Araber (Was genau ist das? – müsste man separat analysieren) haben betende Juden in einer Synagoge ermordet. Es ist ein ungeheuerliches Verbrechen und der Aufschrei hallt durch die Welt. Ich teile den Schrecken und die Sorge, aber nicht ganz die einseitige Empörung.

Die Mörder – sie waren, wie man hört, mit Stöcken und Messern bewaffnet, Waffen der Wut und des Wahnsinns vielleicht – sind gleich erschossen worden. Das ist üblich, man findet, sie hätten es verdient. Das passierte in den letzten zwei Ereignissen dieser Art in Jerusalem auch: Im Abstand von wenigen Tagen haben zweimal Palästinenser in Jerusalem Menschen überfahren, mit Toten und Verletzten. Beide Male wurde der Täter gleich erschossen. Wir halten den Atem an, begreifen nichts, die Empörung ist grenzenlos.

In diesen drei Fällen lässt man es zu, dass die Verbrecher ohne jede Gerichtsverhandlung exekutiert werden, weil ihre Taten so offensichtlich sind. Ich möchte aber doch zu Bedenken geben, dass die Israelis immer Schiesserlaubnis oder gar Schiessbefehl nutzen, auch wenn, wie kürzlich in einem Video dokumentiert, der vielleicht mit einem Messer bewaffnete Angreifer bereits auf der Flucht war. Und man hat nicht auf die Beine gezielt, sondern direkt exekutiert. Das ist nicht rechtsstaatlich. Auch diese Angreifer waren alle keine Bedrohung mehr, als sie erschossen wurden.

Ich möchte noch weiteres dazu bemerken. Gestern wurde ein palästinensischer Fahrer in einem israelischen Egged-Bus erhängt aufgefunden. Die israelische angebliche Untersuchung hat sofort ergeben, es sei Selbstmord gewesen. Es gibt aber Fotos im Internet, die einen zerschundenen, zerschlagenen Körper zeigen. Alle, die den Mann kannten, sind sich einig, dass ein Selbstmord völlig ausgeschlossen sei, der Vater zweier kleiner Kinder hätte keinerlei Grund oder Anzeichen dafür gehabt. Es ist nichts Neues, dass ein losgelassener jüdischer Mob Palästinenser foltert und tötet, unter Duldung der Polizei und es liegt daher auf der Hand, dass ein solcher Mord in der Nacht vom Samstag auf den Sonntag erfolgte. Das ist nun schwierig zu beweisen, denn die israelischen Behörden geben den Leichnam in diesen Fällen nicht heraus.

Man hat aber in den letzten Monaten unzählige Lynchfälle erlebt in Jerusalem, Verletzungen, Vertreibungen aus den eigenen Häusern und zahlreiche palästinensische Tote und Gefangennahmen gingen heimlich vor sich, ohne dass international auch nur eine wahrgenommen wurde. – Eine, ja, die Massakrierung des jungen Abu Khdeir Anfang Juli, vor Ausbruch der Gazaoffensive. Aber schon die unglaubliche Misshandlung seines Cousins durch die israelische Polizei wurde nur in aktiven Kreisen bekannt dank zweier Videos.

Seither ist Jerusalem in Aufruhr, das arabische Ostjerusalem, im Westen kann man sich das alles vom Leib halten. In Israel ist die Stimmung immer noch oder immer stärker von einer mörderischen Aggression gegen Palästinenser geprägt. Jeder Vorfall von israelischer Seite wird verschwiegen, jeder Angriff von arabischer Seite löst martialische Verkündigung neuer Repressionsmassnahmen bei Netanjahu aus, jedes Mal muss er eins draufgeben.

Es ist schade, dass die Politik des Abbas-Bashing ständig weitergeht. Denn Israel hätte es in der Hand, wenn sie nur immer die Hamas als Feinde behandeln würden, könnten sie immer noch die Fatah als Garantie für die Ruhe beibehalten, wie es ihnen in den letzten 15 Jahren gelungen ist. Sie haben es ihm schlecht bezahlt. Abbas wird lächerlich gemacht, während er alle Hände voll zu tun hat, die Wut der Palästinenser zu bändigen angesichts der täglichen Misshandlungen gegen sie. Abbas möchte, dass Palästina als Staat anerkannt würde in der Welt, damit endlich Recht gesprochen werden kann und die Besatzung aufhören müsste. Das ist ein Ziel – aber ob der Atem da ist, es zu erreichen unter diesen Umständen, ist sehr fraglich.

Inzwischen rasten immer mehr Palästinenser aus und schlagen zu, weil sie nichts mehr zu hoffen haben.

Ich erinnere an den Hungerstreik der Gefangenen, von einer unglaublichen Dauer von über 50 Tagen, der einfach nicht zur Kenntnis genommen wurde in der Welt: Das letzte Mittel eines gewaltlosen Widerstands. Er ging unter in der israelischen Hetze gegen drei ermordete Studenten, die in die Zerstörung des völlig unbeteiligten Gazastreifens führte.

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One thought on “Es brennt in Jerusalem

  1. Pingback: Die Verzweiflung ist grenzenlos | Pia Holenstein Weidmann

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