Die Strategie der israelischen Besetzung entlarvt sich in der Krise

Wer jetzt durch die Westbank fährt, findet überall blockierte Strassen, Checkpoints, viel Militär in Kampfausrüstung zu Fuss und gepanzerte Fahrzeuge; eine gespenstische, gedrückte, auch nervöse Atmosphäre.

Im Ausland mag man an Terroristen und eine Entführung denken und eine nervöse Überreaktion durch das Militär. Nichts davon ist hier wahrnehmbar. Der angebliche Grund für die kriegsähnliche Situation ist das Verschwinden von drei Teenagern vor zehn Tagen, weit von hier entfernt, und niemand weiss, wer dahinter steckt. Was hier geschieht, ist eine von langer Hand geplante,  gut geölt ablaufende Militärmaschinerie; und es scheint, dass Profiteure der Okkupation nur auf einen Vorwand gewartet haben.

Jede Nacht gibt es Überfälle durch das Militär. Ein Dorf meldet fünfzig überfallene Häuser vorletzte Nacht. Die Anzahl der Verhafteten seit letzter Woche hat schon 400 überschritten. Hamas-Persönlichkeiten vor allem, viele aus dem Gefängnis Entlassene (unter grosser internationaler Anteilnahme, 2011 gegen Gilat Shalid), aber auch unverdächtige Abgeordnete, sogar der 67-jährige Parlamentssprecher. Es ist offen zugegeben ein Vernichtungsschlag gegen die Hamas.

Zahlreiche Universitäten sind nächtlich überfallen und geplündert worden. Flüchtlingslager sind wie immer bevorzugtes Ziel, da wird einmarschiert, geschossen und getötet. Unerklärlicherweise wird stinkende Flüssigkeit aus Tankwagen in die Flüchtlingslager gespült (Skunkwater, bereits alltägliche Ausrüstung des Militärs). Einrichtungen und Büros von Hilfswerken wie Jabal al-Mawali und  Ibdaa in Bethlehem wurden ausgeraubt, das Personal wie Verbrecher gefesselt, die Unterstützung von Benachteiligten, Flüchtlingen, Waisen wird gestoppt (Maannews 20.6.; 22.6., inzwischen in fast allen anderen Nachrichten).  Die vollständige Blockade von Hebron seit fast zehn Tagen wirkt sich auf die ohnehin schwache Wirtschaft verheerend aus: 10 Mio. Verlust täglich, sagt der Direktor des palästischen Wirtschaftsverbandes von Hebron (Maannews 21.6., Pief-Report 22.6.). Im Schatten der Vorgänge fuhren israelische Bulldozer durch die palästinensische Ausgrabungsstätte Sebastiya, ein wichtiges Kulturerbe und eins der wenigen, das noch nicht ganz Israel gehört. Nichts von alledem kann sich mit der Suche nach Entführten rechtfertigen.

Nächtliche Zusammenstösse in den Städten, wie in der Nacht auf Sonntag in Ramallah (22.6.), mit zahlreichen Verletzten, sind nicht etwa ausgelöst von Terroristen, wie man von aussen denken könnte, sondern die israelische Armee ist in die Stadt, die palästinensischen Autonomiestatus hat, eingedrungen und hat  in den Strassen geschossen. (Und die Folge ist vorhersehbar, aber beängstigend: Palästinenser attackierten anschliessend die eigene Polizei, weil sie schwach erscheint und “mit Israel kollaboriere” bei der Suche nach den Teenagern). War früher die Erklärung, es seien Steinewerfer oder Terroristen versteckt, ist es nun einfach der Ruf: „Bring our Boys home“ – ein unseliger  Kriegsruf, der  alle Aktionen rechtfertigen soll.

Die „Strafmassnahmen“ fügen sich nahtlos ein in die vorangegangenen Militäraktionen. So wurde vorletzte Woche in Gaza ein 33-Jähriger „gezielt“ erschossen; dabei starb auch sein 7-jähriger Neffe. (Guardian, 17.6.) Die schon bisher schockierenden Tötungen in der Westbank durch das israelische Militär steigen rasant an. Nun steht die Anzahl der Erschossenen – fünf bisher – über der der vermissten Teenager. Doch diese Rechnerei ist völlig sinnlos. Was haben die Menschen hier verbrochen, die sich so halbwegs mit der Unterdrückung abgefunden haben,  dass jede politische Bewegung in Israel sie weiter ins Elend bringt?

Trotz dieses scheinbar plötzlichen Ausbruchs einer Extremsituation ist es nur der bisherige Alltag in der Okkupation, der jetzt zu höchster Krise gelangt.

Es ist ein System von Unterdrückung und Ausbeutung durch Kontrolle, Terror und Kollektivstrafen, Separation des sozialen Gefüges und Zersplitterung der Gesellschaft, Vernichtung jeder aufkommenden ökonomischen und kulturellen Entwicklung.

Mit den über 300 Verhaftungen letzter Woche sei die Zahl der inhaftierten Palästinenser auf 5700 gestiegen, über das Wochenende  kamen  über 100 dazu (am 22.6). Wer mag noch daran glauben, das seien alles Terroristen? Fast alle Vergehen betreffen den Besatzungszustand bzw. sind Verstösse gegen israelische Spezialgesetze, die nur auf Palästinenser gemünzt sind; so wird zum Beispiel das Befahren einer für Siedler reservierten Strasse, die durch die Westbank führt, mit 6 Monaten Gefängnis bestraft.

Nächtliche Hausüberfälle

Noch immer ist Alltag, was schon seit 47 Jahren das Leben in der Westbank so unerträglich macht. Gegenwärtig ist Häufigkeit und die Anzahl der Verhaftungen gestiegen. Soldaten brechen in Häuser ein, um jemanden zu verhaften oder Waffen zu suchen. Dabei gehen sie mit äusserster Brutalität vor und zerstören mit minuziöser Hingabe auch die kleinsten – oft teuren – Gegenstände.

Wer solche Häuser besucht, auch wenn es Tage später ist, bleibt schockiert stehen. Alles ist durchwühlt, zu Boden geworfen, ausgeleert, zerschlagen. Manchmal sind die Kühlschränke geöffnet und von Hunden durchsucht worden, sicher sind alle Computer, Fernseher und was immer brauchbar war, zerschlagen. Mittlerweile sind es bis zu fünfzig Häuser pro Nacht in der gleichen Gegend, und die Klage, dass dabei auch viel Geld gestohlen werde, wird immer häufiger.
Vorderer Hof
Vorderer Hofraum – Ort des Zusammenseins mit Familie und Gästen

Die Familie, die wir am 18. Juni besuchten, war drei Tage vorher überfallen worden. Nachts um eins standen die Soldaten mitten im Haus,  nachdem sie  die Tür  aufgebrochen hatten: Löcher in den Steinplatten und in der Tür waren deutlich sichtbar. Eine Lärmgranate, die im Haus detonierte, erschütterte die Wände und liess die Leute des Dorfes herbeiströmen. Während die  Soldaten den Mann  schlugen und fesselten, schrien die Frau, ihre Eltern, die Kinder. So  wurden diese alle zusammen in einem kleinen Zimmer eingesperrt,  während die Soldaten ihrer Zerstörungswut während Stunden freien Lauf liessen.

Zwei Tage nach dem Überfall. Die Frau hat das Kinderzimmer aufgeräumt, doch die Schränke sind unbrauchbar geworden.

Zwei Tage nach dem Überfall. Die Frau hat das Kinderzimmer aufgeräumt, doch die Schränke sind unbrauchbar geworden.

Die Frau sucht psychologische Hilfe für die Kinder. Sie hätten den blutenden Vater gesehen und die Soldaten angefleht, ihn freizulassen, doch er sei weiter geschlagen worden. Sie stünden unter Schock.

P1050952Hier auf dem Dach war der Vater gefangen gehalten und geschlagen worden. Die Soldaten hätten bei ihrem Wüten Kabel, Leitungen, sogar die  Wäscheleinen abgeschnitten, erzählt die Frau.

Als der Mann abgeführt worden war, liessen sie nicht ab. Sie knüpften sich die Frau vor, sahen ihre Bilder an und behaupteten, sie sei eine Terroristin und lehre die Schülerinnen Terrorismus. Und sie drohten beim Weggehen, dass sie jede Nacht wiederkämen,  bis sie die Waffe gefunden hätten.

Die Ehefrau zeichnet gern. In den fünf Stunden ihrer Anwesenheit durchwühlten die Soldaten auch ihre Zeichnungen und fanden einige mit palästinensischen Motiven. So geriet sie selbst in Bedrängnis, wurde als Terroristin beschimpft , die ihre Schülerinnen Terrorismus lehre.

P1050948

Tatsächlich kamen sie in der folgenden Nacht wieder und setzten ihr Zerstörungswerk fort. Nun wurden auch die Eltern des Mannes heimgesucht. Wie es weitergeht, weiss ich nicht.

 

Der Plan dahinter

Beim Hinausgehen wird der Verdacht auch deutlicher: Es geht gegen aufstrebende Geschäfte, wohlhabende Hausbesitzer.

P1050925 Zerstörte Steinplatten. Der nun Verhaftete war nicht arm. Er hatte einen Steinverarbeitungsbetrieb und seine jüngeren Verwandten halfen ihm. Sie möchten arbeiten, doch fehlt ihnen das Know-How ihres „Chefs“. Mit  Stolz zeigt der Bruder des Verhafteten eine Arbeit aus ihrem Betrieb, Küchenabdeckungen. Das können sie nun nicht weiterführen, bis er – vielleicht – entlassen wird.

Die meisten Dörfer in der Westbank grenzen inzwischen an israelische Siedlungen, viele sind fast eingekreist. Und das hat allzuoft die Verfügung von Abbruchbefehlen gegen die äusseren Häuser eines Dorfes zur Folge, weil sie zu nahe an der Grenze zur Siedlung stünden und ein Sicherheitsrisiko darstellten. Auch in diesem Dorf sind die meisten Häuser unter Abbruchbefehl. Man wartet und hofft, dass er zurückgezogen wird, und wenn man überfallen wird, getraut man sich nicht aufzumucksen aus Angst, das Haus werde gleich niedergewalzt.

Blick auf den rückseitigen Hof, Zerstörung auch hier Ein stattliches Haus und Siedlungen in Blickweite – das ist immer brisant.

Der Grund für die Militärpräsenz und Abbruchverfügungen sind die israelischen Siedlungen, die das Dorf fast runderum einschliessen. Zu sehen ist eine Siedlung im Hintergrund.

Es sind die schönen, neuen  Häuser, die zerstört werden. Manchmal gerade vor dem Bezug, auch schon mal während der Hochzeit.

So arbeiten sich zahlreiche Interessen in die Hände: Siedler, welche das Land ganz haben wollen, Soldaten, die voller Hass gegen die Palästinenser aufgewachsen sind und keine Mitleidsgefühle aufbringen, wenn sie sie leiden lassen, sowie die gegenwärtige Regierung, welche eine Zweistaatenlösung torpediert, indem sie die Autonomiegebiete zerstückelt, Bildung und Wirtschaft unterdrückt und die Einigung für einen palästinensischen Staat mit allen Mitteln rückgängig zu machen versucht.

Es gibt eine geheime Agenda dahinter, und manche formulieren es direkt: Die Palästinenser sollen das Land verlassen. Das Wort „Transfer“ wird ganz ungeniert gebraucht.

Darum ist es so schwer, gegen die Menschenrechtsverletzungen anzukämpfen, weil bestimmte Kreise gar nicht wollen, dass es besser wird. Wenn man ihnen das Leben zur Hölle macht, gehen sie freiwillig. So sagt ein Soldat, wenn ich mich über die Misshandlung der Leute beschwere, und es ist nicht der Einzige: „Es ist doch schöner für sie in Jordanien, in Europa, irgendwo. Sag ihnen doch, sie sollen abhauen!“

 

P1050960 Blick vom Dach auf die Zerstörungen im rückseitigen Hof

Datum der Bilder: 19. Juni 2014

Datum der Überfälle: 15./16. und 16./17. Juni

Ich wurde von HEKS und Peace Watch Switzerland als Menschenrechtsbeobachter/-in nach Palästina und Israel gesendet, wo ich am ökumenischen Begleitprogramm (EAPPI) des Weltkirchenrates teilnehme. Die in diesem Artikel vertretenen Meinungen sind persönlich und decken sich nicht zwingend mit denjenigen der Sendeorganisationen. Falls Sie Teile daraus verwenden oder den Text weitersenden möchten, kontaktieren Sie bitte zuerst Peace Watch Switzerland unter palestine@peacewatch.ch

Weitere Informationen zum Begleitprogramm in Palästina/Israel finden Sie unter www.eappi.org und www.peacewatch.ch

 

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3 thoughts on “Die Strategie der israelischen Besetzung entlarvt sich in der Krise

  1. Vielen Dank für den grossartigen Artikel liebe Christina. Wo bist du stationiert? Ich war 2012 und 2013 für EAPPI im Einsatz und arbeite nun in Jerusalem.
    Liebe Grüsse
    Maria

  2. Pingback: Comité pour une Paix Juste au Proche Orient » Lettre Infos CPJPO du 7 juillet 2014

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